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Goldlicht und schwarze Erde

 

Ioana Luca absolvierte 1997 eine Lehre im Atelier des Agapia Klosters in Neamt, Rumänien, um dann acht Semester Orthodoxe Theologie und Freie Kunst an der Universität Al. I. Cuza in Iasi, Rumänien, zu studieren. Nach ihrem Studium erwog Ioana Luca in den Restaurierungswerkstätten der Kirche zu   arbeiten, entschied sich dann jedoch für einen Aufenthalt in Deutschland, um einen ihr von einem Düsseldorfer Kulturverein angebotenen Lehrauftrag von der Dauer einiger Monate anzunehmen, um dann ein Jahr später bereits dauerhaft in einem Düsseldorfer Atelier als freie Malerin zu arbeiten.
     Das Ende von Ioana Lucas Studium forderte von der Künstlerin eine Vertiefung ihrer Kreativität und ihrer Spiritualität vermittels einer ungewohnten Entfernung zu ihr in nicht nur stilistischer, sondern auch geographischer Fremde. Aus der Entfernung sieht sie die künstlerischen, persönlichen und intellektuellen Prägungen ihrer Person verschärft; die Entfernung ermöglicht ihr eine unbedingte, konsequente kulturgesellschaftliche, philosophische, sowie psychologische Analyse der immer gleichen Frage: Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich? Eine zutiefst und eine nahezu ausschließlich religiöse Hinterfragung.
     Ihre Arbeiten, vor allem die freien, in Deutschland entstandenen Gemälde, werfen diese Fragen immer wieder aufs Neue auf - allein durch ihren geradezu puristischen Ausdruck, ihre zurückgenommene Bildsprache, die bildnerische Sprache der Stille. Lucas Arbeiten zeugen von dem Glück und der Schwierigkeit des freien und befreiten Schaffens, der künstlerischen Selbstbehauptung und dem Sein in der Welt, kurz: dem Lebensausdruck. Die Arbeiten von Luca wirken mitunter melancholisch, manchmal dunkel, manchmal jedoch auch unerwartet heiter und von großer Lebensbejahung und durchdrungen von einer fast kindhaften Euphorie. Hier und da scheint Gold als Bildfragment hervor wie das Gold aus einer alten und anderen Zeit. Diese spezielle Bildsprache zeugt von der Unmöglichkeit, aber auch dem Unwillen, die heutige Welt zu erklären-, so manifestieren sie sich in einem leisen Gesprächsangebot und als Assoziationsboden. Ihre Arbeiten sind eher materialisierte Stille als laute Botschaften. Sie erzählen mal von statischen Situationen, mal von Geschwindigkeiten und Überwindungen des scheinbar Unveränderbaren und Unveränderten, siehe die alten Naturlandschaften, die alte Architektur. Die Materialien, die Luca verwendet, sind Holz, Gaze, Wachs, Leinen, Blätter aus dem Wald, Fundstücke, Öl, Tempera, Tinte – und eben Gold.

     Nachdem sich Ioana Luca jahrelang intensiv mit traditioneller Ikonenmalerei auseinander gesetzt hatte, entstanden in ihrem Düsseldorfer Atelier in rascher Folge etliche großformatige Ölarbeiten - farbintensiv, seltsam durchscheinend, voller Licht, von hohem Abstrahierungsvermögen zeugend. Nach unzähligen Gouachen, Collagen, Einfärbungen, Übermalungen und Überzeichnungen, gelangt sie zu einer Neuinterpretation ihrer alten inhaltlichen Schwerpunkte in anderen bildnerischen Sprachfindungen. Auch eine Rückkehr zu den ihr vertrauten Materialien: Holz, Wachs, Gold, findet statt, und dies intuitiv. In der Natur sammelt sie manchmal Blätter, die in der Fertigung von Lucas Arbeiten als Bildelemente zum Tragen kommen. Einen besondern Schwerpunkt in Lucas Werk bilden die Papierarbeiten, zumeist Collagen. In diesen Arbeiten entfaltet sich große bildnerische Befreiung und Freiheit im Umgang kompositorischer Komplexe. Luca entwickelt hier eine ganz unverkennbare Handschrift. Diese Arbeiten sind teilweise wie zu entschlüsselnde Aufzeichnungen und wilde Verse. Die Stationen von Lucas malerischen Lebensreise lassen sich gut verdeutlichen, wenn man eine, in diesem Beispiel eine bereits von eigener Handschrift und persönlicher Interpretation geprägte Ikone, neben eine Papierarbeit, die wenige Jahre später gefertigt wurde, stellt.
     Ioana Luca unterwirft sich insbesondere deswegen keinem stilistischen und inhaltlichen Diktat, weil sie es aufgrund ihrer persönlichen Biografie nur allzu gut kennt und eine Auseinandersetzung mit ihm nur in seiner Überwindung geschehen kann. Die Befreiung von stilistischen Dogmen entspricht einfach ihrem klaren Denken, ihrer Gradlinigkeit und ihrer Neugier.
     So wie ihr Leben aus dem Statischen in den Fluss und die Dynamik der Reise gekommen ist, so ist ihre Kunst ein Unterwegssein, eine permanente Annäherung an Unbekanntes, an Neues und gleichermaßen eine Rückbesinnung auf ihren künstlerischen Ausgangspunkt und ein Wertefundament. Malerei ist immer eine Lebensreise, sagt Ioana Luca. Was ist damit gemeint? Malerei braucht ein ganzes Leben, vielleicht das, vielleicht auch: Malerei ist ein Reisen im ursprünglichen Sinne, ein Aufbruch, dessen Bestimmung nicht unbedingt nur das Ziel verfolgt, sondern das Unterwegsein beleuchtet und untersucht. Malerei ist in jedem Fall eine Lebensaufgabe, eine Vollfüllung, ein umfassendes Angebot und eine ausschließliche Arbeit.
     Malerei ist mehr als eine Bild - und Formensprache, Malerei spricht von den Dingen hinter den Dingen, sie ist angetrieben von Wahrheitssuche. Goldlicht und schwarze Erde, ein Widerspruch? Ja, möglich; der alte Widerspruch, der im Göttlichen und dem Profanen liegt, im Diesseits und Jenseits, im Gestern und Heute, der Widerspruch, den man in der herkömmlichen Malerei zur sogenannten modernen, also der zeitgenössischen Malerei, finden kann.

     Die zeitgenössische Kunst Rumäniens, die lange Zeit gar nicht existierte, nicht existieren konnte, da sie, politisch bedingt, unterdrückt und behindert wurde, erlebt in der jungen Generation heutiger Künstler Rumäniens einen vom Kunstmarkt sehr interessiert beobachteten Neubeginn. Die neuen Strömungen kommen vielfach aus Rumänien, das in der Kunstwelt lange Jahre kaum eine Rolle spielte. Die Impulse, die in den achtziger Jahren häufig von Russland und Polen ausgingen, gehen heute zum Teil von Rumänien aus. Adrian Ghenie, Ana Banica und Dani Zanga, um nur einige rumänische Künstler der heutigen zeitgenössischen Kunst zu nennen, belegen das.

     Ioana Luca ist bereits 2007 in das Standardlexikon Kürschners Handbuch der Bildenden Künstler, K. G. Saur, aufgenommen worden, ihre Arbeiten befinden sich in privaten Sammlungen Rumäniens, Deutschlands und Großbritanniens.
     Ioana Luca, die neben der Malerei auch in Video- und Fotoarbeiten künstlerischen Ausdruck findet, gestaltet unter anderem Bücher und beschäftigt sich allgemein mit Medienkunst. Die Malerei jedoch ist ihre eigentliche Sprache, sozusagen ihre künstlerische Muttersprache. Auf verhaltene Weise bringt sie die Welt der komplizierten Farbbrechungen und zurückgenommenen Zeichnungen in ganz eigene Kompositionen. Die Malerei ist eine Lebensreise, man könnte hinzufügen: zum Glück ist die Malerei und wie in diesem besonderen Fall, die Malerei der Rumänin Ioana Luca, wenn sie auch keine Weltsprache ist und sein kann, wieder eine zutiefst europäische, frei von Unterdrückung und Bevormundung. Die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks ist in allen Kulturen immer gleichzusetzen mit der allgemeinen und allgemein respektierten Freiheit des Individuums.
     Goldlicht und schwarze Erde: Ioana Lucas Reise zeigt sich in immer neuen Bildern, und jeder Betrachter begleitet die Künstlerin auf diesem Weg für einen Tag oder eine Stunde, und dann verschließt sich Lucas Kunst wieder, denn ihre Kunst ist leise, sie ist scheu, und sie braucht Schutz, sie braucht den besonderen Lebensraum.

 

von Detlev Foth

 

Text veröffentlicht 2010 im Bildband mit dem gleichen Titel Goldlicht und schwarze Erde