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Eine spirituelle Reise - Begegnung mit der Malerin Ioana Luca

Gegen Ende des Besuches zeigt Ioana Luca eine Ikone des Hl. Michael. Gerade einmal 25 x 20 cm misst die Holztafel, ihr Rahmen ist mit kleinen Fragmenten von Eierschalen beklebt: ein feines Mosaik aus Kontemplation, Geduld und Hingabe. Das Bild des Heiligen aber ist unfertig geblieben. Bleistiftlinien definieren sein Gesicht und sein Gewand, verleihen der Gestalt auf der grauen Fläche der Grundierung lediglich monochrome Züge. Farblos und stumm harrt das in Rumänien begonnene Werk im Düsseldorfer Atelier seiner Vollendung. Ioana Luca (*1977 in Iasi, Rumänien) ist ausgebildete Malerin und orthodoxe Theologin, doch seit sie in Deutschland lebt, lässt sie den Heiligen warten. Eine Abkehr von Vergangenheit und Tradition? Ein Bruch mit der Religion und der damit verbundenen Vorstellungswelt? Eine Absage an den Glauben?

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   Ikone, griechisch: eikon, das Bild. Ikonen - Fenster zum Himmel. Ikonen sind die Kultbilder der orthodoxen Kirche. Und die Ikonenmalerei - hierzulande aufgrund ihrer Fremdheit oft unverstanden oder als Volkskunst missverstanden - ist in ihrer ursprünglichen, reinen Form eine zutiefst spirituelle Kunst, die vom Maler nicht nur Talent und handwerkliches Können verlangt, sondern auch eine gewisse Heiligkeit im Leben. Nur wer glaubt und demütig seine eigene Person zurücknimmt, kann darum bitten, dass ihm der Heilige Geist beim Malen die Hand führe. Nur wer die Ikone als von Gott her inspiriert begreift, wird sich durch ein kontinuierliches religiöses Leben um diese Inspiration bemühen und das Befolgen der festen künstlerischen Regeln als religiöses Ritual, als Meditation und Gebet verstehen. Wird man zur Ikonenmalerei berufen?

 

   Ioana Luca jedenfalls will nach dem Abitur keinen „normalen“ Weg gehen sondern trifft eine mutige Entscheidung. Ikonenmalerei. Wer sich damit beschäftigt, genießt in Rumänien hohes Ansehen. Doch der Weg ist schwierig, man verdient nur wenig Geld. Um sich auf das Studium der orthodoxen Theologie und der Malerei an der Universität vorzubereiten, verbringt Ioana 1997 sechs Monate im Agapia Kloster in Neamt (Rumänien), taucht ein in ein asketisches Leben mit Gebet und Fasten - und lebt außerhalb der Zeit und der Welt, fernab von allem Profanen, mit anderen Werten als der Rest der Welt. Von den Nonnen lernt sie die Regeln der Ikonenmalerei. Bildtypen- und -kompositionen, Materialien und Farben sind weitgehend festgelegt. Bleibt da noch Spielraum für persönliche Kreativität? Entstehen nicht immer wieder dieselben Bilder? Trotz aller Regeln gibt es feine Unterschiede im Ausdruck und in den Farben. Man wird niemals zwei perfekt identische Ikonen finden, sagt Ioana und nennt zum Vergleich die Musik: Auch klassische Musikstücke werden von unterschiedlichen Musikern immer wieder neu interpretiert, ohne dass die Komposition verändert wird. Aber: Ein klassisches Stück auf einer elektrischen Geige im Stil von Nigel Kennedy? Im übertragenen Sinne in der Ikonenmalerei undenkbar.

 

   Das Studium der Orthodoxen Theologie und Malerei an der Universität in Iasi (1997-2001) bedeutet für Ioana die Rückkehr in das beengte, profane Leben in der Stadt. Auf dem Lehrplan stehen theoretische und praktische Fächer. Zweimal in der Woche müssen die Kunststudenten morgens und abends die Kirche besuchen. Für Ioana eine Enttäuschung: Ich wäre auch ohne Zwang dorthin gegangen.

 

   Alles konzentriert sich auf die Bedeutung der Ikonenmalerei; moderne Kunst spielt fast keine Rolle. Doch die reine Lehre an der Universität spiegelt nicht unbedingt die Realität der Menschen in Rumänien wider, die besonders in ländlichen Gebieten stark durch Aberglauben, durch häretische Ansichten und Praktiken geprägt ist. Die orthodoxe Kirche, so Ioana Luca, bräuchte Reformen. Sie sieht die Institution kritisch. Dennoch bereut sie ihr Studium nicht. Allerdings hat es sie nicht - wie sie gehofft hatte - weiser gemacht: Je mehr man weiß, desto weniger versteht man. Die Dogmen der Theologie sind so schwierig, dass man mit dem Fragen nicht mehr aufhören kann: Antworten gibt es nicht im Leben, sondern allein im Tod. So war das Studium nur der Beginn einer Suche, die sie schließlich nach Düsseldorf geführt hat, wo sie seit 2003 gemeinsam mit dem Maler Detlev Foth lebt und arbeitet.

 

   Ein Neubeginn in einem fremden Land, eine fremde Sprache, fremde Eindrücke und Gedanken. Eine Chance für das private Glück - aber ebenso ein erschütternder, schmerzvoller Schock: Ikonenmalerin in Deutschland? Die äußeren Bedingungen wären günstig: ein Atelier, ausreichend Material, Farben, sogar Blattgold. All das, woran es in ihrer Heimat fehlt - in Deutschland ist es fast Selbstverständlichkeit. Ihr Selbstverständnis aber gerät unter dem klaren, ehrlichen Blick, den sie aus der Distanz auf ihr altes Leben wirft, ins Wanken: Ihr Weg ändert sich. Meine Lebensart hat sich verändert, es war eigentlich niemals ein Asketenleben. Sie muss sich neu definieren: Es kann nicht sein, dass nur die Tradition für mich spricht, es muss mehr sein. Auch in mir. Mein Talent muss entwickelt werden. Und erst hier habe ich es begriffen.

 

   Ioana schließt die Augen. Ihr Blick löst sich von den festen Regeln der Ikonenmalerei, schweift nicht länger in meditativen Kreisen zwischen Vorlage und eigener Arbeit, sondern richtet sich nach innen. Aus der Interpretin wird eine Komponistin, die nach dem eigenem Ausdruck, nach individuellen Bildern, nach der eigenen Stimme sucht. Zunächst voller Angst und Zweifel folgt sie mehr und mehr ihrer Inspiration, gibt sich der neuen Freiheit hin und lässt sich auf das Risiko des Unbekannten und Spontanen ein. Das kleine Format der Ikonen war immer eine Begrenzung. Ich habe hier die ersten Erfahrungen mit Öl und mit größeren Formaten gemacht. Erst hatte ich wenig Mut und habe sehr monochromatisch gearbeitet - mit viel Schwaz -, weil ich Angst vor Farbe auf großen Flächen hatte. Das hatte nichts mit Depressionen zu tun - wie manche Leute vermuteten. Es war einfach Angst vor Farbe.

 

   Der Versuch gelingt, und die Entwicklung zeichnet sich in ihren Werken ab. Anfang 2004 entsteht eine dreiteilige Arbeit, die Form und Motive eines traditionellen christlichen Triptychons aufgreift: Im mittleren Bildfeld Jesus auf dem Thron, zu seiner Rechten Maria Mutter Gottes, zu seiner Linken Johannes der Täufer. Auch die traditionellen Farben der Ikonenmalerei finden Verwendung: blau für Christus, rot für Maria, grün für Johannes. Dennoch ist die Veränderung offenkundig: Duktus und Formen sind frei, die Oberfläche aus wieder abgetragenen Farben und abgekratztem Wachs liegt offen, wirkt fragmentiert. Und: Christus und die Heiligen erscheinen als abstrahierte, gesichtslose Gestalten. Ich glaube noch immer, dass Gott darstellbar ist und ich finde es nicht falsch, Ikonen zu malen und Gott ein Gesicht zu geben, im Gegenteil. Aber ich fühle mich vielleicht im Moment nicht nah genug zu Gott, so dass ich sagen könnte, ich kann sein Gesicht malen. Ich kann es jetzt nicht mehr so machen.

 

   Die formale und inhaltliche Geschlossenheit ist aufgebrochen, individuelle gedankliche und malerische Impulse werden sichtbar. Aber die traditionellen Farben, das Blattgold, binden das Triptychon an die Ikonenmalerei. Sie sind kaum noch sichtbar, fragmentiert, transparent - und doch sind sie gegenwärtig. Ein Sinnbild fast für die spirituelle Substanz, die in allen freien Arbeiten der Künstlerin durchscheint: ein geistiges Pigment, das Landschaften, Porträts und abstrakte Motive durchzieht.

 

   Bewusst oder unbewusst greift Ioana immer wieder Elemente und Materialien aus der Ikonenmalerei auf. Ich bin ein neuer Mensch in einem neuen Leben, aber die Tradition ist in mir und ich will auch zeigen, dass ich das nicht vergessen habe. Vor allem das Gold, in der Ikonenmalerei ein Zeichen der Heiligkeit, kehrt immer wieder zurück. Starkes, warmes Licht verbinde ich mit Gott. Einmal im Jahr geht Ioana Luca in ihrer Heimat in die Kirche, um für ihre Toten und die Lebenden Kerzen anzuzünden. Ich spüre eine Heiligkeit in der Kirche. Ich glaube, es muss einen Ort geben dafür. Und nur dafür. Aber ich suche Gott jetzt auch an anderen Orten. Er kann auch in einer Landschaft sein. Oder, wie Detlev Foth es zusammenfasst: Alles ist in allem enthalten. Aber nichts drängt sich dem Blick mit oberflächlichem, profanem Getöse auf. Ioanas Kunst spricht noch immer -ganz wie sie selbst - eine leise, feine Sprache; die kontemplative Tiefe der Ikonen setzt sich ohne Bruch in ihren freien Arbeiten fort.

 

   Man braucht Zeit und eine geistige Reife, um die Schönheit der Ikonen zu begreifen. Viele Menschen verstehen nicht, warum Ikonen schön sind. Aber sie sind schön. Ich habe das irgendwie gespürt, und dann ist es auch so geblieben. Meine Meinung wird sich auch nicht ändern. Ich frage mich immer - und in letzter Zeit besonders oft: Was kann ich tun, um meinen Glauben zu stärken, zu zeigen und lebendig zu machen? In meiner Arbeit zeige ich ihn jetzt in chiffrierter Weise. Die Menschen scheinen es trotzdem zu sehen und zu fühlen, und das freut mich. Aber es gibt auch skeptische, ablehnende Reaktionen mit dem Tenor: Das ist mir zu religiös. Und das nur, weil z.B. in einem Landschaftsbild ein Kreuz auftaucht. Vorurteile? Ich weiß es nicht. Warum haben die Menschen Angst vor so etwas? Sie haben Angst vor Fragen, davor, sich selber Fragen zu stellen, sich mit dem Thema Religion zu beschäftigen. Angst vor der Tatsache, dass sie vielleicht keine Antwort finden?

 

   Als Künstlerin hat Ioana Luca einen neuen Weg eingeschlagen. Doch sie weiß, dass Ikonenmalerei und freie Kunst sehr viele Gemeinsamkeiten haben: Beide wollen dasselbe: die Welt verstehen oder die Welt erklären, Kommunikation ermöglichen. Beide sprechen von Liebe, von Verzweiflung und Einsamkeit. Und auch die profane Kunst kann durchaus heilig wirken und das Leben der Menschen verändern. Wenn sie die Augen öffnet und Ikonen betrachtet, weiß sie sich noch immer mit ihrer Tradition verbunden, und jedes ihrer Worte macht deutlich, dass ihr Weg sie bei aller Zufälligkeit der äußeren Umstände letztlich ohne innere Widersprüchlichkeit von der Ikonenmalerei zur freien künstlerischen Arbeit führte. Ich schätze und ehre die Ikonen immer noch sehr. Die Ikonenmalerei ist eine Basis für mich, eine Inspirationsquelle, wenn ich nicht mehr weiter weiß. Ich kann auch immer zurückkehren. Ich lehne sie nicht ab und sie lehnt mich auch nicht ab. Ich male heute keine klassischen Ikonen mehr. Das heißt nicht, dass ich es für immer aufgegeben habe. Vielleicht kommt eine Zeit, in der ich das brauche. Der unvollendete Hl. Michael wird sich in Geduld üben und Ioana Luca auf ihrem Weg begleiten.

 

von Eva Marie Ehrig M.A.

 

Schöngeist 7. Ausgabe - Winter 2005 © by ApoDion Verlag

 

Text veröffentlicht 2005 in der 7. Ausgabe der Zeitschrift Schöngeist - ApoDion Verlag